Nikolai Kobelkoff

Geboren am 22.7.1851 in Wosnessensk, Gouvernement Orenburg, Russland
Gestorben am 19.1.1933 im Wiener Prater

Nikolai Wassiljewitsch Kobelkoff, genannt Nikolai, wurde in der Stadt Wosnessensk, südlich des Uralgebirges,  am 22.7.1851 als 16. Kind von Natalia Kobelkoff und Wassili Diementiv Kobelkoff  geboren. Vater Wassili war der dortige Bürgermeister.

Mutter Natalia, Vater Wassili und Geschwister
Mutter Natalia, Vater Wassili und Geschwister

Die Überraschung war groß, als der Sohn gänzlich ausgebildet jedoch ohne Gliedmaßen zur Welt kam. Als der erste Schock vorüber war, wurden diverse Ärzte konsultiert, um das „Wunderkind“ zu begutachten. Spezialisten wie Prof. Billroth und Prof. Weinlechner hatten dann Jahrzehnte später die Gelegenheit, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen.

Vermutlich handelte es sich um eine „spontane Amputation“ (Abschneidung von selbst), die im Mutterleib stattfand. Was vermutlich erklärt warum dies bis zum heutigen Tag, bei keinem seiner zahlreichen Nachkommen mehr aufgetreten ist.

Nikolai Kobelkoff
Nikolai Kobelkoff

Nikolai wuchs normal auf und wurde von seinen Eltern besonders geliebt. Obwohl keine Beine vorhanden waren, überraschte der Zweijährige seine Familie damit, dass er auf seinen Beinstumpfen zu Laufen begann. Mit den Jahren wuchs seine Geschicklichkeit ungemein. Er lernte den rechten Armstumpf (links war keiner vorhanden) geradezu fabelhaft zu gebrauchen, vermochte sich selbst anzukleiden, und sich zu trinken zu nehmen.

Seine Lehrer konnten ihre Verwunderung über seinen Verstand und seine blendende Auffassungsgabe nicht unterdrücken. Sein Religionslehrer, ein Priester, gab ihm den Rat nun auch noch schreiben zu lernen. Nikolai lernte es tatsächlich, indem er nach Anleitung des Geistlichen, die Feder zwischen Wange und Armstumpf klemmte. Die Schönheit und Klarheit seiner Schrift wurde damals allgemein bewundert.

Schriftprobe

Der junge Mann war nicht im Mindesten verbittert über seine körperliche Unvollkommenheit, freute sich seines Lebens beim Fischen, Jagen und in dem er das Dreigespann lenkte. Er schlang die Zügel um den Nacken und hantierte dann so überaus geschickt mit dem Armstumpf, dass er die Pferde tadellos lenken konnte.

In den Goldminen von Balbuck wurde der 18-Jährige Nikolai Beamter und beschäftigte sich vorwiegend mit Lohnlisten und Rechnungsbüchern. Mit seinem Körper konnte der allseits interessierte junge Mann inzwischen sehr gut umgehen.

Im Jahr 1870 wurde Nikolai auf einem Jahrmarkt angesprochen. Der bekannte Theaterdirektor Berg wollte diesen außegewöhnlichen Menschen für seine Schaubühne in St. Petersburg engagieren.

In Begleitung von Dimitri Giaraieff, als Beschützer, brach er auf und ließ sein Elternhaus zurück. Am 10.8.1871 trat der damals 20-Jährige erstmals vor Publikum auf. Von nun an ging es in viele Städte Russlands und danach auch nach Europa.

Eine Tournee führte ihn nach Wien, wo er auf der Schaubühne Klein (später Kristallkino) und im Panoptikum von Auguste und August Schaaf im Prater 66 (heute 49) auftrat. Dort schlug der Blitz ein, denn Nikolai verliebte sich unsterblich in Augustes Schwester, die 18-jährige Anna Wilfert. Sie war ein ausgesprochen hübsches Mädchen, dem Prater und der Schaustellerei sehr zugetan, stammte sie doch aus einer berühmten Schaustellerfamilie.

1876 wollten die Verliebten heiraten. In der evangelischen Kirche in Wien wurden sie jedoch wegen Nikolais Behinderung abgewiesen und keine Heiratserlaubnis erteilt. Aus diesem Grund musste das junge Paar nach Budapest ausweichen, um dort Gottes Segen einzuholen.

Nun hatte Nikolai geheiratet und plante mit seiner Ehefrau als selbständiger Schausteller zu reisen. Um diesen Plan umsetzen zu können, wurde Annas Bruder, Otto Wilfert, als Geschäftsführer bei dem jungen Paar tätig.

Als Anna mit ihrem ersten Kind schwanger war, überfiel Nikolai die große Angst, dass das Kind mit demselben Handicap zur Welt kommen könnte. Die Reise wurde unterbrochen, der „Rumpfmensch“ schickte seine Ehefrau in die Heimat nach Wien in den Prater, wo sie bis zur Geburt ihres ersten Sohnes Alexander bei ihrer Schwester Auguste blieb. So erblickte der Stammhalter 1876 auf Prater 66 (heute 49) das Licht der Welt. Zum Glück war er gesund, und es stand dem gemeinsamen Weiterreisen nichts mehr im Weg.

Im Laufe der Jahre wurde Familie Kobelkoff immer größer, Sohn Alexander folgten:

1879 Otto, geboren in Berg, Deutschland
1881 Nikolai, geboren in Altona, Deutschland
1886 Ernst, geboren in Bordeaux, Frankreich
1886 Helene, geboren in Paris, Frankreich
1892 Paul, geboren in Villeneuve, Frankreich
v.l.n.r.: Sohn Ernst, Tochter Helene, Ehefrau Anna, Nikolai Kobelkoff, Sohn Alexander, Sohn Otto, Sohn Paul und Sohn Nikolai
v.l.n.r.: Sohn Ernst, Tochter Helene, Ehefrau Anna, Nikolai Kobelkoff, Sohn Alexander, Sohn Otto, Sohn Paul und Sohn Nikolai

Die Schulzeit verbrachten die Kinder bei den Großeltern, Johanna Dorothea Emilie und Ernst Christian Wilfert im Wiener Prater. Nach erfolgreichem Abschluss der Schulzeit begleiteten die Kinder dann ihre Eltern wieder auf den zahlreichen Reisen. Die Aufgabenbereiche wurden unter den Geschwistern aufgeteilt, so dass Schwager Otto Wilfert sich endlich zur Ruhe setzen konnte. Mit ihren Schaubühnen waren sie in ganz Mitteleuropa unterwegs.

v.l.n.r.: Sohn Nikolai, Sohn Ernst, Nikolai Kobelkoff und Sohn Alexander
v.l.n.r.: Sohn Nikolai, Sohn Ernst, Nikolai Kobelkoff und Sohn Alexander

Was kann man sich unter einer Schaubühne vorstellen

Da werden lebende Bilder angepriesen, dort sind die stärksten Menschen der Jetztzeit zu sehen, und bei der Schaubude der Frau Klein im Prater vis à vis des Eisvogels kann man hören wie die Rekommandeure mit dem Aufwand all ihrer Stimmmittel die phänomenale Erscheinung des 20. Jahrhunderts anpreisen:

Ein Mann ohne Arme und Beine, 80 cm hoch, 60 kg schwer, ist dort zu sehen. Der malen und schreiben kann, athletische Übungen macht, sich als Schütze produziert, und allein ohne Hilfe isst und trinkt. Eine freundliche Frau, ein junger Mann und ein liebes Kind stehen auf der Parade der Schaubude und laden die schaulustige Menge, die dich gedrängt vor der Bude steht, zum Eintritt ein. Es sind Ehefrau, Sohn und Enkelkind des Rumpfmenschen die ihre Einladung machen.

Zu Nikolais Spezialitäten gehörte es, während der Vorstellungen Bilder zu malen, um diese anschließend zu verkaufen.

Nikolai Kobelkoff
Nikolai Kobelkoff

 

Akrobatische Kunststücke mit seinen Söhnen gehörten auch zu seinem Programm sowie Auftritte im Löwenkäfig.

Nikolai Kobelkoffs Auftritt im Löwenkäfig
Nikolai Kobelkoffs Auftritt im Löwenkäfig

Nikolai Kobelkoff erweiterte seinen Sprachschatz auf Französisch und Deutsch in Wort und Schrift. Vier weitere Sprachen, italienisch, englisch, ungarisch und tschechisch beherrschte er ein wenig.

1882 gingen die Kobelkoffs für ein Jahr zur berühmten Zirkusfamilie Barnum & Bailey nach Amerika. Immer wieder kehrten sie von ihren Reisen zurück in den Prater, um in den verschiedenen Schaubühnen zu gastieren. Nikolai war ein gefragter Mann und bewältigte unzählige Auftritte. Der bekannteste Bewunderer seines Könnens war Kronprinz Rudolf von Österreich. Des Öfteren wurde der Rumpfmensch gebeten, dem Thronfolger eine Vorstellung zu geben, die meist während der Nacht statt fand.

Als um die Jahrhundertwende der Cinematograph von den Brüdern Pathé erfunden wurde, stellte man sich langsam um.

Nikolai Kobelkoff, 1900

1901 kaufte Nikolai vom  Schwager seiner Ehefrau Anna, Carl Schaaf, Prater 117 (heute 67 und 68) auf dem Rondeau, die dieser von Frau Franziska Klinger erworben hatte. Aus einem Fahrradbetrieb wurden nun das bekannte Velodrom sowie unmittelbar daneben der erste Toboggan, der so wie fast alle Praterbetriebe, zwischen dem 8.und 10. April 1945, komplett abrannte.

Somit war der Grundstein der Familie Kobelkoff im Prater gelegt.

Um sich besser etablieren zu können, ging ein Teil der Familie weiterhin auf Reisen. Das Geld war knapp, die Familie groß, der älteste Sohn Alexander war gerade einmal 24 Jahre alt, und hatte bereit eine eigene Familie zu ernähren.

Um 1905 wurde an Stelle des Velodroms das berühmte „Manège Parisienne“ im Sezessionsstil erbaut. Kobelkoff hatte diesen Betrieb bei der Pariser Weltausstellung gesehen und gleich dort erworben.

Toboggan
Manège Parisienne und Toboggan, Prater 117 (heute 67 und 68)

Im Jahre 1912 erreichte Nikolai die tragische Nachricht vom Tode seiner geliebten Gattin Anna.

Als Nikolai über die Verstorbene sprach verklärten sich seine Züge: „Sie war das Beste, das edelste Wesen, das je gelebt hat, ein Engel der in mein Leben trat, um mir das höchste Glück zu schenken. Keine Frau konnte gütiger und treuer sein als sie.“

Auf der Reise durch Frankreich war sie bei Paris einem epileptischen Anfall im Alter von 55 Jahren erlegen. Ihre sterblichen Überreste wurden in die Heimat überführt und in der Familiengruft auf dem evangelischen Friedhof beigesetzt.

Von nun an wollte Nikolai Kobelkoff nicht mehr reisen. Er zog sich in sein Haus hinter dem Toboggan und der Manège Parisienne zurück. Die Mitbewohner waren Sohn Ernst und Schwiegertochter Marie. Im Kreise seiner Kinder und Enkelkinder, nur die Söhne Nikolai und Paul lebten in Frankreich, verbrachte Nikolai Kobelkoff seinen Lebensabend.

Familie Kobelkoff, Geburtstagsfeier
Familie Kobelkoff, Geburtstagsfeier

1922 erwarb Nikolai Prater 110 (heute 41-45) mit dem Karussell „Zum großen Chineser“,  besser bekannt unter dem Namen Calafati.

Gleich neben dem Calafati gab es „die lustige Drehbank“ sowie
1925 einen Topferlflieger und ein Kinderringelspiel sowie das Velodrom
1931 Charles weltberühmte Wunderbären
1935 den Narrenpalast „Nirwana Höhle“ erbaut von Molzer

Es handelte sich um einen sehr großen Platz, den Nikolais Kinder untereinander aufteilten.

Nachdem Tochter Helene Pichler 1933 verstorben war, verkaufte ihr Witwer Hans Pichler einen Teil des Platzes.

„Zum großen Chineser“, besser bekannt als Calafati
„Zum großen Chineser“, besser bekannt als Calafati

Bis ins hohe Alter von 82 Jahren war der „Rumpfmensch“ im Familienbetrieb tätig.

Nikolai Kobelkoff

Am 19.1.1933 verstarb der weltbekannte Künstler an Altersschwäche in seiner gewohnten Umgebung. Der Mann, der einst ausgezogen war um das Leben zu bezwingen, war tot, ohne seine Heimat oder seine Familie jemals wieder gesehen zu haben.

Zu seinem Begräbnis stellten sich viele Künstler und Persönlichkeiten ein. Bis heute ist Nikolai Kobelkoff ein Begriff in Künstlerkreisen in ganz Europa.

Artikel in folgenden Zeitungen

„Fahrendes Volk“ v. Signor Saltarino, Leipzig 1895
Illustriertes Wiener Extrablatt 19.4.1899 mit Familienbild
Neue illustrierte Wochenschau 26.7.1931

Auszüge aus Charlotte Königs Niederschriften